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Historische Friedhöfe

Sie sind einzigartige Zeugen vergangener Zeiten und Orte mit geradezu mystischer Ausstrahlung. Doch viele historische Friedhöfe sind akut vom Zerfall bedroht.

Orte der Stille und der Erinnerung

Friedhöfe sind mystische Orte. Sie strahlen eine unvergleichliche Ruhe aus, mit ihren hohen Bäumen und den bewachsenen Grabanlagen. Bei vielen historischen Friedhöfen hat man das Gefühl, eine andere Welt zu betreten, sobald man durch ihre Tore schreitet. Eine Welt, in der die Zeit still steht und jahrhundertealte Geschichte wie Nebel zwischen den Gräbern wabert. Ob namenlose Soldaten in anonymen Gräbern, reiche Adlige in prachtvollen Gruften, oder Verwandte, derer gedacht wird. Friedhöfe erzählen von Menschen. Sie erzählen Geschichten von ihrem Leben, ihrem Sterben und auch von den Menschen, die sie liebten und die ihre Gräber anlegten. Doch viele dieser Orte des Gedenkens, die die Zeit so lange überdauert haben, sind heute dem Untergang geweiht. Umgefallene Grabsteine, überwachsene Gräber und eingestürzte Gruften zeugen davon. Nur durch schnelles Handeln können diese Orte der Stille und der Erinnerung noch gerettet werden.

Zerfallene Erinnerung in Dresden

Ursprünglich wurden Friedhöfe in der Nähe zu Kirchen errichtet. Die Menschen wollten nah an den Gotteshäusern und den Reliquien begraben werden. Deshalb wurden sie häufig auch Kirchhöfe genannt. Der Begriff Friedhof leitet sich übrigens nicht von „Frieden“ ab, sondern daher, dass diese Kirchhöfe mit Mauern oder Hecken umfriedet waren. Wurde die Zahl der Toten jedoch zu groß, beispielsweise nach Seuchen, oder weil Städte schnell wuchsen, wurden die Friedhöfe direkt an den Kirchen geschlossen und neue außerhalb der Stadtmauern angelegt. So auch der Eliasfriedhof in Dresden, der bereits 1680 vor den Toren der Stadt errichtet wurde. Ursprünglich war er ein Armenfriedhof, auf dem unzählige Pesttote in Massengräbern verscharrt wurden. Knapp ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1724, wurde er jedoch erheblich erweitert. Grund dafür war die Aushebung des Kirchhofs der Frauenkirche, auf dem eine neue Kuppelkirche erbaut werden sollte. Daraufhin wandelte sich das Bild dieses Gottesackers. George Bähr, der Berühmtheit durch die Erbauung der Dresdner Frauenkirche erlangte, wurde mit der Gestaltung der Friedhofsanlage beauftragt. Er errichtete neue Grufthäuser entlang der Umfassungsmauern und machte den Eliasfriedhof zu der Repräsentationsstätte, die die Familien des gehobenen Bildungsbürgertums sich wünschten. Bald darauf wurde es für diese Familien üblich, eine Gruftstätte auf dem Eliasfriedhof zu besitzen; sie entwickelten sich zu regelrechten Statussymbolen. Der Wohlstand dieser Familien veränderte auch das Gesicht des einst schlichten Friedhofs. Je reicher eine Familie war, desto prunkvoller wurden ihre Gräber mit Epitaphien, Gemälden und sogar Zierrat in Vitrinen ausgestattet. Darüber hinaus entstanden nun auch Einzelgräber auf dem Friedhof. Diese wurden zum Teil von namenhaften Künstlern wie Caspar David Friedrich, Gottlieb Kühn oder Johann Christian Kirchner entworfen. Die letzte Bestattung auf dem Eliasfriedhof erfolgte im Jahr 1876. Somit ist dieser Friedhof ein Zeitzeuge, der für Besucher das 19. Jahrhundert bewahrt. Doch seit seiner Stilllegung leidet er zunehmend unter Verfall. Durch die Förderung des Bundesministeriums für Kultur und Medien wurde er als nationales Denkmal anerkannt. Dennoch ist es immer noch notwendig, zahlreiche Gräber vor dem Zerfall und der Zerstörung durch wildwachsende Bäume zu bewahren, damit dieser wertvolle Teil der Stadtgeschichte erhalten bleibt und bald wieder für alle Besucher zugänglich gemacht werden kann. Zurzeit sind auf Grund seines Zustandes Besichtigungen nämlich nur im Rahmen von regelmäßig stattfindenden Führungen und am Tag des offenen Denkmals möglich.

Zwei besondere Schätze in Osnabrück

In Osnabrück gibt es gleich zwei historische Friedhöfe, um deren Erhalt gekämpft wird. Den Johannisfriedhof im Süden und den Hasefriedhof im Norden. Die beiden innerstädtischen Friedhöfe wurden 1808 auf Geheiß niemand geringeren als Napoleons errichtet. Auch sie liegen vor den Toren der Stadt, da die hygienischen Zustände der Friedhöfe an den Kirchen auf Grund von Überbelegungen unhaltbar geworden waren. Besonders sind diese beiden Grabstätten aus dem Grund, dass auf ihnen unzählige bedeutende Bürger bestattet wurden und 200 Jahre Sepuralkultur lückenlos dokumentiert sind. Betrachtet man die Friedhofsmauern genau, kann man noch heute nachvollziehen, wie das Areal Abteilung für Abteilung erschlossen wurde. Im Jahr 2015 wurden die beiden Friedhöfe endwidmet. Vorher wurden jedoch umfassende Pläne für ihre zukünftige Nutzung entwickelt. Bereits 1983 gründete die Stadt eine Stiftung mit dem Zweck, die beiden denkmalgeschützten Friedhöfe dauerhaft zu pflegen. Dies ist nicht nur bedeutsam, weil sie ein wichtiges Stück Stadtgeschichte darstellen, sondern auch, weil sie als eine Heimstädte für viele seltene und außergewöhnliche Pflanzen und Tiere dienen. Bereits kleine Spenden können dieser Stiftung dabei helfen, dieses einzigartige Stück Geschichte zu bewahren.

Prosa und Geschichte in Lindow

Der Klosterfriedhof in Lindow am malerischen Wutzsee hat bereits Ende des 19. Jahrhunderts Theodor Fontane in seinem Roman „Der Stechlin“ inspiriert. Soweit man es nachvollziehen kann, wurde das Kloster zu dem der Friedhof gehört 1230 als Zisterzienserkloster durch die Grafen von Arnstein gegründet. Im 15. Jahrhundert war es auf dem Höhepunkt seiner Bedeutsamkeit; seine Ländereien umfassten ein Viertel des Ruppiner Landes. Zahlreiche Dörfer, Seen, Fischteiche und Wassermühlen gehörten zu dem Kloster, ebenso wie über fünfzehn Mutter- und sechs Filialkirchen. 1542 wurde es säkularisiert, woraufhin es nach und nach seine Bedeutung verlor. Knapp hundert Jahre später, während des Dreißigjährigen Krieges, wurde es von den kaiserlichen Truppen zerstört und brannte fast vollständig aus. Daraufhin gelang es nie wieder, ihm zu alter Größe zu verhelfen. Es zerfiel und mit ihm auch sein Friedhof. Der Verlust des Friedhofs wäre tragisch, da er ein einmaliges Zeugnis der Geschichte darstellt. Noch heute manifestiert sich die soziale Rangordnung in der Anordnung der Gräber. Zuerst kamen die Stiftsdamen, dann die Dienstleute und die Beamte. Die Grabplatten variieren von barocken bis hin zu klassizistischen Formen und viele zeigen Symbole der Vergänglichkeit, wie eine Sanduhr oder Mohnkapsel. Die gusseisernen Grabkreuze wurden von Schinkel entworfen und in der Königlichen Eisengießerei zu Berlin gefertigt. Doch diese Erinnerungen drohen verloren zu gehen, da sie durch Witterung und Verfall zunehmend an Substanz verlieren.

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Richard Keller

Richard Keller ist Denkmal-Gutachter und engagiert sich privat für den Schutz bedrohter Denkmäler.

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